"Nur die Spitze des Eisberges"
NDR-Interview mit hw doering


Filmemacher Hans-Walter Döring hat Geerd Oertel und Bodo Fräßdorf vom Referat für Produktsicherheit der Hamburger Verbraucherschutzbehörde bei ihren Kontrollgängen in Läden, Baumarktketten, Hinterhofgeschäften, auf Wochenmärkten und bei Containerlieferungen im Hafen begleitet. In seiner Reportage zeigt er, wie die Kontrolleure Waren bei Händlern konfiszieren und Produkte im Labor testen. Dass die engagierten Einsätze der Produktprüfer nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein können, erklärt er im Interview mit NDR.de. 

NDR.de: Für Ihre Reportage "Billig und gefährlich" haben Sie zwei Kontrolleure der Abteilung Produktsicherheit bei der Hamburger Verbraucherschutzbehörde bei ihrer Arbeit begleitet. Wie sinnvoll ist die Arbeit der Beamten?

Hans-Walter Döring: Dem Außenstehenden erscheint die Arbeit der Produktkontrolleure als pure Sisyphusarbeit. Auf der einen Seite ist es in Deutschland nicht selbstverständlich, dass Städte oder Landkreise überhaupt einheitliche Gesetze und Produktprüfer haben.


Auf der anderen Seite sind die Möglichkeiten dieser Spezialisten in Großstädten wie Hamburg schon auf Grund der Etatvorgaben relativ eingeschränkt. Initiativ tätig zu werden und - wo notwendig - dann auch umgehend restriktive Maßnahmen einzuleiten, ist verwaltungs- und damit kostenintensiv. Die Möglichkeiten einer abschreckenden nachhaltigen Kontrollwirkung ließen sich ganz sicher noch optimieren, politischer Wille vorausgesetzt.

NDR.de: Die Kontrolleure besuchen Wochen- und Jahrmärkte oder auch Billig-Läden, um unsichere Produkte ausfindig zu machen, oder reagieren auf Hinweise von Verbrauchern. Reichen solche Zufallskontrollen aus, um für den Verbraucher Sicherheit zu schaffen?

Döring: Nein, Zufallskontrollen reichen nicht aus. Zumindest nicht aus Reporter-Sicht. Die vom Amt geplanten oder auch vom Verbraucher initiierten Zufallskontrollen sind bestimmt gut geeignet, um gefährliche Produkte überhaupt zu entdecken und nach entsprechenden Prüfungsverfahren gegebenenfalls schnell vom Markt zu nehmen. Dabei handelt es sich aber in den meisten Fällen nur um die Spitze des Eisberges von Millionen Billig-Spielzeugen, Billig Werkzeugen und anderen Gebrauchsgegenständen, deren Sicherheit nicht einmal den EU Minimalanforderungen entspricht.

NDR.de: Oftmals werden die Beamten auch vom Zoll angefordert - aber nur ein kleiner Teil der am Hamburger Hafen angelandeten Ware wird auch kontrolliert. Reicht das aus?

Döring: Ich möchte den Beamten, die diese Kontrollen vor allem in der berühmten "LasterRöntgen-Anlage" im Hamburger Zollhafen durchführen, nicht zu nahe treten. Es war sehr spannend, sie für unsere Reportage in Kooperation mit den Produktprüfern überhaupt begleiten zu dürfen. Aber die Zahlen sprechen eine ganz klare Sprache: Nur maximal 200 der täglich circa 22.000 angelandeten Container können kontrolliert werden. Da muss schon ein relativ konkreter Verdacht zu einer Produktmarge vorliegen, um im Kampf gegen gesundheitsgefährdende oder gar lebensgefährliche Produkte erfolgreich sein zu können.

NDR.de: Was können Verbraucher tun, wenn sie das Gefühl haben, dass ihnen unsichere Ware verkauft wurde, beziehungsweise an welche Stellen können sie sich wenden?

Döring: Der Verbraucher kann sich direkt an die entsprechende Stelle des Hamburger Amtes für Verbraucherschutz wenden. Dort kann er zum Beispiel anrufen und auf Produkte hinweisen, die er gekauft oder gesehen hat und die seiner Erfahrung oder dem optischen Eindruck nach nicht sicher sind. Diesen Meldungen gehen die Produktprüfer umgehend vor Ort nach. Der Verbraucher hat aber auch die Möglichkeit, jederzeit selber im Internet in der so genannten "Rapex-Datenbank" nachzuschauen, ob und wo seine als gefährlich eingeschätzten Produkte bereits aufgetaucht sind. Eine gute Möglichkeit, sich auch schon vor einem Kauf zu informieren.

NDR.de: Kontrolliert wird ja in der Regel, ob die Produkte den gesetzlichen Regelungen entsprechen. Reichen zum Beispiel beim Thema Kinderspielzeug die geltenden Richtlinien aus, um den Verbraucher zu schützen, oder müssten die Kriterien Ihrer Meinung nach verschärft werden?

Döring: Allein die Sofort-Tests, welche die Produktprüfer bei unseren Dreharbeiten in ihrem Labor durchführten, lassen ahnen, dass es - wie so häufig - kaum an den strengen gesetzlichen Vorgaben, sondern vor allem an der Kontrolle ihrer Einhaltung liegen dürfte, dass gefährliche Produkte überhaupt den Markt erreichen. Im Gegenteil, manches scheint "überreguliert". So war ich erstaunt, als der Produktprüfer den Billig-Verkauf eines englischen Markenfabrikats untersagte: Nur weil dieser an sich solide Wasserkocher keinen deutschen Stecker hatte.

NDR.de: Welche Rolle spielt die Gier der Verbraucher nach Billig-Ware? Haben Betrüger dadurch leichteres Spiel, unsichere Ware, die eventuell sogar gefälschte Prüfsiegel enthält, in Umlauf zu bringen?

Döring: Die Gier, oder sagen wir es etwas freundlicher, die Schnäppchenmentalität dürfte die Hauptmotivation für den Kauf unsicherer oder lebensgefährlicher Produkte sein. Der Verbraucher geht ein hohes Risiko ein, wenn er glaubt, ein Steck-Spielzeug für ein Euro oder eine Steckdosenleiste für zwei Euro wären auf Grund der illegal verwendeten Zertifikate sicher. Ein kleiner Preis für irreparable Verluste. Das Kind kann ersticken, das Haus abbrennen. Sparsamkeit an der falschen Stelle kann einen sehr hohen Preis haben.

NDR.de: Wie haben sich die Dreharbeiten gestaltet - hatten Sie Mühe, bei unangemeldeten Kontrollen mit der Kamera dabei sein zu dürfen?

Döring: Die Schnäppchenmärkte sind sehr sensibel, um es vorsichtig auszudrücken. Generell fiel auf, dass die Bereitschaft zur "TV-Kontrolle" mit Entfernung von der Innenstadt abnahm. In den Industrievierteln der Hamburger Randbezirke haben wir Märkte erlebt, die scheinbar keinerlei Bezug zu Deutschland haben. Das sind Parallelgesellschaften mit eigenen Gesetzen. Abbruchreife Lagerhallen sind mit Hunderten modernster Fernseher, High-Tech-Elektrogeräte bis hin zu Generatoren vollgestopft. Diese Schnäppchenmarkt-Hinterhöfe werden am Wochenende von Tausenden Kunden aus ganz Osteuropa besucht. Da scheint es für die "Chefs" - sonst immer nur im Hintergrund - selbstverständlich, auch die öffentlichen Straßen vor den Lagerhallen als ihr Privat-Eigentum zu betrachten. Nachdrücklich - mit Anwalt am Handy - wurden dann schon mal die Privatadressen von Autor und Kamerateam eingefordert. Doch selbst ein Schnäppchenmillionär kann sich unserem netten Lächeln und vor allem guten Argumenten letztlich nicht verschließen.



Das Interview können Sie auch HIER downloaden.